Dr. Bernd Drücke zur Situation in der Türkei

Dr. Bernd Drücke ist Soziologe und Politologe und Chefredakteur der Zeitschrift graswurzelrevolution. Er setzt sich aktiv für die Freilassung von Deniz Yücel und anderer inhaftierter Journalisten und Journalistinnen in der Türkei ein und kennt sich aus mit der aktuellen Situation der Pressearbeit in der Türkei. Radio Q hat mit ihm über genau diese Themen gesprochen.

"Es gibt kein Recht auf Kriegsdienstverweigerung in der Türkei"

Radio Q: Sie haben Deniz Yücel vor ein paar Jahren kennengelernt und mit ihm zusammen eine Ausgabe ihres Magazin graswurzelrevolution herausgebracht.

Dr. Bernd Drücke: Nein nein, das war ein bisschen anders. Also ich bin der Herausgeber der Zeitung graswurzelrevolution und wir haben eine türkisch-deutsche Beilage gemacht, die Otkökü, also auf türkisch Graswurzel und die haben wir halt versucht auch in der Türkei unter die Leute zu bringen.

Radio Q: Und das hat nicht so gut funktioniert?

Dr. Bernd Drücke:Das hat gar nicht funktioniert. Die Beilage wurde komplett beschlagnahmt. Deniz hat damals für die Wochenzeitung Jungle World gearbeitet und dann ein sehr gutes Interview dazu gemacht und sich sehr solidarisch gezeigt.

Radio Q: Mit welcher Begrüdung wird dann so ein Magazin oder so eine Beilage konfisziert? Also was bekommt man dann für eine 'Mail'?

Dr. Bernd Drücke:Also wir haben hauptsächlich Themen bearbeitet, die bis heute in der Türkei tabuisiert sind. Zum Beispiel der Völkermord, der Genozid an den Armeniern, wo 1,5 Millionen Armenier im 1. Weltkrieg 1915 ermordet wurden. Das ist bis heute ein Tabu, das auch weiterhin unter Strafe steht. Weitere Themen waren die Schwulen- und Lesbenszene und Kriegsdienstverweigerung in der Türkei. Kriegsdienstverweigerung ist auch so ein Tabuthema. Das heißt, es gibt kein Recht auf Kriegsdienstverweigerung in der Türkei. Wer den Kriegsdienst verweigert, der kommt für drei Monate in den Knast, dann kommt er wieder raus mit der Aufforderung den Kriegsdienst zu leisten und wenn er das nicht macht, dann kommt er wieder für drei Monate in den Knast. Da haben wir halt auch wirklich eine ganze Reihe Leute, die zum Teil schon über zwei Jahre im Gefängnis gesessen haben, weil sie den Kriegsdienst verweigert haben. Darüber haben wir halt berichtet in der Ausgabe. Die Ausgabe gab es auf türkisch, auf kurdisch und auf deutsch. Also auch noch ein Tabu. Die kurdische Sprache war bis 1991 verboten in der Türkei und wir haben die Beilage dreisprachig herausgebracht. Das führte natürlich dann dazu, dass dieses unliebsame Blatt in der Türkei sofort beschlagnahmt wurde und überhaupt nicht verbreitet werden konnte.

"Es gibt praktisch überhaupt keine kritische Medienberichterstattung in der Türkei"

 Radio Q: Jetzt setzen Sie sich in Münster ja auch für die Freilassung von Deniz Yücel ein mit ihrer Bewegung. Ich hab im Vorfeld schon von dem Fahrradkorso gehört, den sie organisiert haben. Wie sieht denn so die tägliche Arbeit von der FreeDeniz Bewegung, vor allem in Münster genau aus?

Dr. Bernd Drücke:Ja, wir hatten halt überlegt, was kann man machen, wie können wir Deniz unterstützen. Er hat uns damals unterstützt, da müssen wir ihn ja auch unterstützen. Solidarität ist ja keine Einbahnstraße, sondern wir müssen auch mal solidarisch sein. Wir haben gedacht ein Autokorso passt ja zu Münster so ganz und gar nicht und dann haben wir gedacht, machen wir doch einen Fahrradkorso! Das gab es noch nirgends und das ist der erste FreeDeniz Fahrradkorso gewesen, den es gab. Eine Woche vor der Demo haben wir uns das überlegt, in einer Kneipe, ganz spontan sozusagen. Ich hab dann praktisch das Ganze sofort angemeldet bei der Polizei, dann haben wir die Presse informiert und eine Pressekonferenz gemacht. Die Presse war super. Also auch Radio Q hat berichtet, Antenne Münster, WN, der WDR... Also es gab praktisch rund um die Uhr Berichterstattung zur Demo, was natürlich sehr gut war. Wir haben tatsächlich über 300 Leuten innerhalb von fünf Tagen organisiert und das war ein sehr lebendiger, sehr bunter Fahrradkorso, der auch gefilmt wurde. Deniz hat das auch mitgekriegt. Also ich hab das seiner Schwester geschickt in die Türkei und sie hat ihm natürlich dann auch davon berichtet. Ja, das ist glaube ich für Münster doch sehr angemessen sowas zu machen. Ich denke eigentlich müsste man das jede Woche machen, weil die Situation sich ja noch weiter verschlimmert hat in der Türkei.

"Es gibt kein Recht auf Pressefreiheit"

Radio Q: Jetzt gab es ja eine neue Aussage von Deniz Yücel, dass er kein Teil eines großen Deals sein möchte. und, dass er eben nicht freigelassen werden möchte für irgendwelche Bedingungen. Was glauben Sie, ist es realistisch an eine kurzfristige oder überhaupt an eine Freilassung von Deniz Yücel zu glauben? Oder glauben Sie eher, dass das noch ein hartes Stück Arbeit wird?

Dr. Bernd Drücke:Also ich befürchte, dass es jetzt tatsächlich so ist wie auch bei Meşale Tolu und bei Peter Steudtner, dass es tatsächlich einen Deal geben wird. Also der Bundesaussenminister hat sich ja jetzt gerade mit dem türkischen Aussenminister getroffen. Dabei ging es um die Verstärkung der deutschen Panzer in der Türkei. Also die sollen nochmal zusätzliche Bodenplatten kriegen, damit sie gegen Minen geschützt sind. Das sind allein 750 Leopard-Panzer, die jetzt gerade zum großen Teil im Krieg gegen die Kurden in Syrien eingesetzt werden. Deniz hat das sofort kritisiert. Geplant ist auch noch ein Panzerbau in der Türkei, also die Firma Rheinmetall Group will da eine eigene Fabrik aufbauen. Das ist natürlich skandalös. Die Türkei tritt die Menschenrechte mit Füßen, es gibt kein Recht auf Pressefreiheit, es gibt praktisch überhaupt keine kritische Medienberichterstattung in der Türkei, stattdessen gibt es im Moment nur noch Propaganda auf allen Kanälen. Das ist unerträglich und die Situation für Kurden und andere Minderheiten wird natürlich zunehmend katastrophal muss man sagen. Deniz ist ein Mensch mit Rückgrad, ein Journalist, der seinen Beruf auch wirklich ernst nimmt, für ihn ist sein Beruf auch eine Berufung. Das heißt, als Journalist interviewt er alle Seiten und deshalb sitzt er jetzt im Gefängnis, weil er einen PKK-Menschen interviewt hat. Das zählt in der Türkei schon als Terror-Propaganda.

"Die Situation für Hunderdtausende in der Türkei ist eine Katastrophe"

 Radio Q: Würden Sie denn sagen, dass Deniz Yücel mittlerweile schon eine Art Galionsfigur ist für diese ganze Türkei-Geschichte?

Dr. Bernd Drücke:Ja, er ist zumindest jemand, der auf jeden Fall dazu beigetragen hat, dass das Thema überhaupt in der Öffentlichkeit so präsent ist. Die Türkei ist ja momentan eines der Länder, wo die Menschenrechte extrem mit Füßen getreten werden, also auf dem Index von Reporter ohne Grenzen sind sie noch weiter abgesackt. Die Situation für Hunterdtausende in der Türkei ist eine Katastrophe. Seit dem gescheiterten Putsch sind ja 150.000 Leute aus dem Staatsdienst entlassen worden, es sind zehntausende Menschenrechtler inhaftiert worden und bekannt sind momentan 139 Journalisten im Gefängnis. Aber es kann auch durchaus sein, dass es deutlich mehr sind. Viele andere sind außer Landes getrieben worden. Can Dündar, auch ein großartiger Journalist, der liberalen Zeitschrift Cumhuriyet sitzt jetzt in Berlin, weil er in der Türkei befürchten muss, dass er im Gefängnis landet. Die haben auch nichts weiter gemacht, als ihren Job ernst zu nehmen. Die haben halt wirklich investigativen Journalismus betrieben und eben auch über die Verbrechen des türkischen Regimes berichtet und diese Verbrechen sind nun mal mehr als offensichtlich grade. Gerade dieser Angriffskrieg in Syrien auf eine der wenigen Regionen, wo die Menschen noch menschenwürdig leben können, ist natürlich eine Katastrophe. Da müssen wir uns eigentlich viel stärker gegen engagieren. Da müssen wir auch mehr Druck ausüben auf die deutsche Regierung, dass eben keine Waffen mehr geliefert werden an die Türkei, und, dass auch viel stärker dagegen protestiert wird. Momentan gibt es ja nur Bedenken von der Bundesregierung. Das ist allerding ein Angriffskrieg, das ist ein Verbrechen gegen die Menschheit was da passiert.

Radio Q: Glauben Sie denn, dass die deutsche Bunderegierung mehr tun könnte, um bspw. für die Befreiung von Deniz Yücel zu kämpfen? Wird da zu wenig gemacht?

Dr. Bernd Drücke:Da wird zu wenig gemacht und man kann vor allem mit einem Mafiosi keinen Deal vereinbaren. Das ist einfach eine Schweinerei, das ist moralisch verwerflich! Man muss Druck ausüben und das hätte die Regierung schon längst machen können. Sie hätte viel stärker wirtschaftlichen Druck ausüben können. Die Türkei ist wirtschaftlich abhängig von der Bundesregierung, von der Bunderepublik und Deutschland ist ein extrem mächtiges Land. Man hätte zum Beispiel sagen können: Boykottiert die Türkei auch als Urlaubsland und vor allem einfach keine Waffenlieferungen mehr an die Türkei und eben auch keine Unterstützung des Regimes, die ja einfach stattfindet im Moment. DITIB, die türkische Islamgemeinschaft ruft jetzt momentan über ihre Moscheen praktisch in gewisser Weise zum Djihad auf. Also unterstützt ihre Regierung im Krieg gegen die Kurden und da wird überhaupt nicht drauf eingegangen. Die DITIB kriegt auch viel Geld von der Bundesregierung und da muss man einfach sagen: Stoppt das Geld! Solange so Kriegspropaganda betrieben wird, solange so eine verbrecherische Politik unterstützt wird, so lange sollten die von uns kein Geld kriegen.

"Die ganze Repressionsatmosphäre in der Türkei ist momentan eigentlich unerträglich"

Radio Q: Was mach ich denn jetzt, wenn ich mich in der Münsteraner FreeDeniz Bewegung engagieren will? Wie kann ich Sie bei ihrer Arbeit unterstützen?

Dr. Bernd Drücke:Ich bin ja in erster Linie auch erstmal Journalist. Ich bin Redakteur der Zeitung graswurzelrevolution. Das ist eine Monatszeitung, die seit 1972 bundesweit erscheint und eine relativ kleine Auflage hat. Aber wir versuchen natülich Gegen-Öffentlichkeit herzustellen und wir versuchen auch auf bestimmten Kanälen, also wie zum Beispiel jetzt auch über Radiointerviews oder eben auch Fernsehinterviews, Öffentlichkeit herzustellen, auch für den Fall Deniz. Aber Deniz ist ja kein Einzelfall. Es gibt ganz viele Fälle, die überhaupt nicht an die Öffentlichkeit kommen, auch von Repression gegen Deutsche. Also z.B. ein Onkel und ein Cousin meiner Frau, die Kurdin ist, die waren jetzt vor wenigen Monaten in der Türkei. Die haben beide dort ein Haus in Kurdistan und sind dann verhaftet worden am Flughafen. Dabei wussten sie überhaupt nicht warum, es gab keine Begründung. Dann wurden sie erstmal für ein paar Tage festgehalten und dann abgeschoben nach Deutschland. Der Hintergrund ist, dass sie ein Haus haben in Kurdistan und der Nachbar ist ein grauer Wolf, ein MHPler, der früher bei der Polizei war. Der hat wohl ein Auge auf das Haus geworfen, also er möchte das Haus gerne haben und in Kurdistan, also in den kurdischen Gebieten in der Türkei, ist es tatsächlich so, dass die Kurden häufig einfach enteignet werden, wenn jemand sagt: Das ist ein PKK-Anhänger. Der Onkel und der Cousin von meiner Frau sind keine PKK-Anhänger. Der eine engagiert sich im Dersim-Verein, der an den Massenmord 1938 in Dersim erinnert und der andere ist bei der IG Metall, also bei einer deutschen Gewerkschaft. Die ganze Repressionsatmosphäre in der Türkei ist momentan eigentlich unerträglich. Für Menschenrechtler ist das eigentlich ein Land, dass man nur noch meiden kann. Ich mache mir auch echt Sorgen um meine Freunde und Freundinnen in der Türkei und hoffe, dass denen nichts passiert, und, dass sie nicht auch inhaftiert werden.

Interview geführt von: Max Hengesbach


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